Schwester T.

Kraft sein. Segen sein.

  • Lastenträger

    Wenn ich mit der U-Bahn nach Hause fahre, lasse ich beim Einsteigen anderen gern den Vortritt. Komme ich nämlich als Letzte hinein, kann ich mich gegen die Tür lehnen, bis ich wieder aussteigen muss. Alle Stationen dazwischen gehen zur anderen Seite raus.

    Manchmal habe ich freie Sicht auf die wechselnden Bahnsteige; etwas Spektakuläres wird mir da im Allgemeinen nicht geboten. Dann aber tritt ein Mann in mein Blickfeld. Er trägt so etwas wie ein Regal unter dem Arm, nur tiefer, bestimmt 50 Zentimeter, es wirkt fast wie ein kleines Gerüst. In den Zwischenräumen steckt allerlei Zeug, das aus Tüten ragt, ein Korb ist auch dabei. Unglaublich, wie er das alles halten kann. Federnden Schrittes erreicht er die Treppe, macht sich an den Aufstieg.

  • Stunden

    Auf dem Weg zur Bibliothek laufe ich durch Straßen, die bereits beleuchtet sind, vorbei an Häusern, in denen die hellen Rechtecke noch gelb grüßen, nicht blau flackernd. Bald wird es nachtdunkel sein.

    Doch ich sehe nicht zur Uhr, ich muss nicht wissen, wie spät es ist. Ich weiß, es ist nicht spät. Es liegen noch Stunden des Tages vor mir, Stunden, die mir gehören, ehe es tatsächlich Nacht wird.

  • Baba

    Feierabendverkehr. Der Mann neben mir sieht müde aus, es ist Freitag und es ist genug.

    Sein Telefon läutet. Noch bevor er das Gespräch annimmt, hellt sich seine Miene auf, dann höre ich eine Kinderstimme, späte Kita/frühe Schule, schätze ich. Die Beiden sprechen in einer Sprache, die ich nicht verstehe, und doch verstehe ich, was der Mann sagt.

    Nach ein paar Sätzen wechselt er ins Deutsche.

    Baba kommt gleich.
    …
    Baba kommt jetzt.
    …
    Baba ist schon in der U-Bahn, Baba ist gleich da.

    Immer wieder dieselben Sätze und immer im selben Tonfall, so, als sei jeder Satz ganz neu. Dazwischen die helle Kinderstimme; es gibt offensichtlich einiges zu erzählen.

    Aber Baba kommt ja gleich und dann trinken sie Kaffee und Kakao und das Kind sprudelt seine Abenteuer noch einmal heraus, führt sein Halloween-Kostüm vor und fragt, ob es mit Ketchup Blutflecken aufbringen darf.

    Und da endlich streift Baba die Arbeitswoche ab wie eine fremde Haut.

  • Teddy

    In den vergangenen Wochen habe ich zwar viel gelegen, aber nicht sonderlich gut geschlafen, und da fiel mir wieder ein, dass ich als Kind gern ein Kuscheltier gehabt hätte. So ein Wangenschmeichler, dachte ich, täte mir auch jetzt wohl.

    Aber tut er das nicht immer? Also fahre ich nach Feierabend zu einem Kaufhaus und schaue mich in der Plüschabteilung um. Monster und Glubschis nehmen einigen Raum ein, aber die Klassiker überwiegen.

    Nur leider ruft keines der Tiere „Hier!“, keines wartet darauf, von mir mit nach Hause genommen zu werden. Schade. Ich hole trotzdem ein paar Exemplare aus den Regalen, drehe sie hin und her, lege sie wieder zurück. Es geht etwas grundlegend Beruhigendes von diesen anschmiegsamen Gefährten aus, und so mache ich mich schließlich recht zufrieden auf den Rückweg.

    Merkwürdig nur, dass sich etwas beharrlich in meine Armbeuge schmiegt. Es ist ein unglaublich weicher, liegender Bär. Ich weiß gar nicht, wie er da hingekommen ist.

    Tja, da werde ich wohl besser noch eben bei der Kasse vorbeigehen.

  • Morgens

    Morgens, die Stille: ein Geschenk. Ich hebe den Blick und schaue in das verhaltene Strahlen eines erwachenden Himmels; selbst die Baumkronen rühren keine Blatt. Die Welt liegt friedlich vor meinem Fenster.

    Ich trete vor die Tür und weiß mich willkommen.

  • Zeitumstellung

    Sommerzeit – Normalzeit (oder doch: Winterzeit?). Was ist richtig, was ist passend? Gute Frage, viele Meinungen, aber hat die Antwort eine Bedeutung?

    Ich treffe meine Familie Sonntag nachmittags und wir spielen eine Runde oder zwei. So auch heute. Diesmal fällt die Wahl auf Mensch-ärgere-dich-nicht. Das hatten wir lange nicht mehr und irgendwie passt es immer. So auch heute.

  • Lächeln

    Auf den Nebenwegen liegt das Laub knöchelhoch. Mir kommt ein betagtes Paar entgegen, die Frau sitzt im Rollstuhl, Beine horizontal, gemütlich eingemummelt. Ein schicker Hut aus roter Wolle, offensichtlich viel und gern getragen, tupft einen deutlichen Akzent in die abendliche Dämmerung.

    Der Mann schiebt. Es kostet ihn einige Kraft, aber er bleibt dran, hält ein gleichmäßiges Tempo. Das Laub fügt sich unter die großen Räder.

    Als wir fast auf gleicher Höhe sind, schaue ich rüber, nicke zum Gruß. Die Frau scheint mich nicht wahrzunehmen. Die Augen weit, das Gesicht fahl und starr. Was wohl in ihr vorgeht? Ich schenke ihr ein Lächeln, dann sind wir aneinander vorbei.

    In meinem Rücken spüre ich das Lächeln, wie es in der Luft hängt. Ich stelle mir vor, dass es um die Beiden herum schwebt, sie noch ein Stück weit begleitet, vielleicht sanft auf einer Schulter ruht. Ich wünsche es mir.

  • Wieder da

    Endlich wieder ohne Mühe draußen unterwegs. Der Wind pfeift um die Ecken, Sonne kommt, Sonne geht, der Wind pfeift weiter. Ich erreiche die U-Bahn: Mütze noch da, Schwung noch da, Humor noch da. Ich bin definitiv wieder auf den Beinen.

  • Olympia

    Ich warte vor dem Haus mit den Umkleiden, stehe unter dem Vordach. Auf den Trainingsplätzen des Olympiaparks tummelt sich viel Blau und Weiß, Aufwärmkommandos und letzte Späße unter den Spielern wehen zu mir herüber.

    Im Laufe der nächsten halben Stunde sehe ich vier fremde Mannschaften eintreffen, dazu Trainer und noch mehr Blau-Weiße. Jede Menge Bälle werden in Säcken auf die Spielfelder getragen. Hinter dem Zaun stehen etwa 20 schlanke Jugend-E-Roller aufgereiht, sie wirken wie angeleinte Pferde vor einem Saloon. Auch sie warten.

    Das Flutlicht flammt auf, die Stimmung ist gut. Auch wenn nur Fußball zu sehen ist, liegt Vielfalt in der Luft. Hier atmet Olympia.

  • Herbst

    „Das Schöne ist, dass die Freude am Frühling für alle verfügbar ist und nichts kostet.“ So hat George Orwell einmal in seiner Kolumne für die Tribune geschrieben. Und natürlich hat er Recht.

    Ich finde nur, dass das für den Frühling auch ein Leichtes ist, denn die Tage werden länger und wärmer undsoweiter, wir erleben es alle jedes Jahr aufs Neue.

    Dagegen der Herbst. Er kommt ebenso zuverlässig und ist viel weniger willkommen. Aber er bietet Varianten und ist das nicht auch etwas? So milde, goldene Tage, wie wir sie derzeit haben, sind zwar nicht untypisch, aber auch nicht selbstverständlich.

    Ich will mich daran erinnern, wenn es regnerisch wird und nasskalt. Und das wird es, natürlich, früher oder später, je nach Variante.

  • Nestbautrieb

    Ein junger Mann steigt ein, in der einen Hand ein neu erworbenes Set Lammfellrollen plus Abstreifgitter, in der anderen eine Packung Windeln in der kleinsten Größe.

    Wie jetzt?! Kommt das Baby erst (renovieren) oder ist es schon da (wickeln).

    Ein Blick in das Gesicht des Mitfahrers genügt: ausgeschlafen. Es dauert also noch.

  • Marathon

    Sonntags, in aller Frühe, sind die U-Bahnen angenehm leer. Ein paar Kinder in Trikots, müde Eltern, wenig Gespräch.

    Heute ist Marathon. Es wird erst voll, dann gepackt voll und ein aufgeregtes Summen liegt in der Luft. Ich habe noch einen Sitzplatz abbekommen, da ich früh genug eingestiegen bin. Richte ich meinen Blick zu Boden, erwartet mich eine Auswahl der angesagtesten Laufschuhe in Weiß und Neon. Schick. Aber nichts gegen die junge Frau, die komplett in eine Erste-Hilfe-Alu-Decke gehüllt hereinspaziert. Die Menge teilt sich, als ob es kein Gedränge gäbe.

    Gold nach außen – was für ein Auftritt. Dem Jungen neben ihr steht der Mund offen und auch ich achte nicht mehr auf Schuhe.