Schwester T.

Kraft sein. Segen sein.

  • Am Set

    Heute Nachmittag, auf meiner üblichen Pendelstrecke. Ich stehe in der gut gefüllten U-Bahn an das dafür vorgesehene Polster gelehnt und höre meine Playlist mit Filmmusik. Rechts von mir drei Schüler, die sich lachend und einander knuffend über ein Handy beugen, das ein Video zeigt. Links von mir ein Junge und ein Mädchen, etwa zwölf Jahre alt, die Englisch miteinander sprechen, tapfer um Worte ringend. Es wird schnell klar, dass sie flirten. Dabei zeigt sich der Junge so anrührend verletzlich, dass ich die Lautstärke an meinem Kopfhörer hochdrehe. Zumindest vor meinen Ohren soll die Intimität der Situation geschützt sein.

    Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es eine kleine Lücke, die meinen Blick auf eine verschleierte Frau und einen athletischen Mann mit jeder Menge Tattoos und Sonnenbrille freigibt. Ich höre die Soundtracks und fühle mich wie eine Statistin in die Szene integriert.

    An der nächsten Station steigt eine schon ganz krumme, aber drahtig wirkende alte Frau ein und der sportliche Mann steht auf, um ihr Platz zu machen. Ich sehe sie den Kopf schütteln, er aber hält den Klappsitz nach unten gedrückt und nickt ihr einladend zu. Die Frau, klein und hager, wie sie dasteht, spannt sich an und selbst ihr Rücken macht klar, dass sie sich das Angebot verbittet. Dann dreht sie sich brüsk zur Seite und arbeitet sich resolut durch den Wagon nach vorn vor. In ihrem Gesicht trägt sie so viele Runzeln wie der Mann Tattoos, aber ihr Trainingslevel scheint mir in diesem Moment vergleichbar.

    Langsam ziehen sich meine Lippen zu einem Schmunzeln auseinander, und auch in den anderen Gesichtern sehe ich ein leises Lächeln aufblühen – außer bei den Kids; die sind mit sich selbst beschäftigt. Der Mann steht noch ein bisschen herum, dann zuckt er die Schultern und setzt sich wieder. Er nimmt die Sonnenbrille ab und grinst in die Runde.

    Ich würde sagen, die Szene ist im Kasten.

  • Lämmchen

    Am etwas späteren Abend, wenn die Sonne nur noch als rot und gelb getönter Horizont zu sehen ist, legt sich der Wind und die Blüten duften so intensiv wie sonst nur am Morgen oder nach einem warmen Regen.

    Ich bin ganz voll von diesem Ansturm von Wohlgerüchen und gebe mich der Aussicht auf eine Tasse Tee hin, die meinen Tag abrunden wird, da schießt mir ein kleiner Hund entgegen, ohne Leine, ohne Halsband, sehr jung und wollig wie ein Lämmchen. Er umkreist mich überschwänglich, springt an mir hoch und wuselt so wild zwischen meinen Beinen herum, dass ich meinen vom letzten Schritt noch in der Luft schwebenden Fuß erst gar nicht absetzen kann, aus Furcht, ich könnte den Kleinen treffen. Außer einem Japsen ab und zu macht er kein Geräusch, nichts lenkt von seinem Tanz ab.

    Die Halterin kommt mit einem größeren Exemplar derselben Rasse an der Leine auf mich zu. „Na!“, ruft sie, kopfschüttelnd, lachend. „Sie haben wohl ein großes Stück Wurst in der Tasche!“

    Habe ich nicht. Dem Lämmchen genügt die Lebendigkeit, die ich gerade getankt habe, um mir ungefiltert seine eigene zu präsentieren. Fröhlich mischen und tauschen wir sie und ziehen dann zufrieden mit doppelter Leichtigkeit weiter.

  • Muttertag

    Vor mir eine junge Frau, in jeder Hand ein XXL-Windelpaket, sperrig und offenkundig schwer, denn ich kann sehen, wie tief sich die Tragebänder aus Plastik in die Handflächen graben. Die Arme scheinen immer länger zu werden. Sonderangebot, schätze ich. Oder Zwillinge. Ich schicke einen gedanklichen Glückwunsch zu ihr nach vorn – für das eine oder das andere. Oder Beides.

    Dem federnden Gang nach, ist sie glücklich, und ich lasse mich gern davon anstecken. Lasse mich zurückfallen in die eigene Zeit mit den Windelpaketen und beglückwünsche mich selbst.

  • Ginster

    Früher, erst als Jugendliche, dann als junge Erwachsene, war Geld knapp. Doch ich wusste mir zu helfen. Als Schülerin nahm ich mir zusammen mit meiner besten Freundin zu Beginn der Sommersaison die Damenabteilung eines Kaufhauses vor und wir probierten alles an, was wir gern gekauft hätten. Zeit spielte (fast) keine Rolle und wir machten so lange weiter, bis uns die Lust am Kaufen ohnehin vergangen wäre. Plattfüßig, aber beseelt von unseren wundersam wandelbaren Spiegelbildern kehrten wir in unsere Familien zurück.

    Später, mit einem kleinen ersten Haushalt, als Zeit durchaus eine Rolle zu spielen begann, ging ich direkt in die Stoff- und Kurzwarenabteilung – das gab es damals noch – und nähte mir zu Hause einen Vier-Bahnen-Rock. Noch einen Gürtel dazu, und schon wirkten auch die T-Shirts aus dem Schrank irgendwie wieder neu.

    Daran erinnere ich mich nicht, als ich heute im Dauerregen auf dem Weg zur Arbeit bin. Noch nicht. Vorerst komme ich an einem Ginsterbusch vorbei, dessen unzählbare winzig hell gelbe Blütenblätter ein so surreal wirkendes Leuchten ausstrahlen, dass ich stehen bleibe und staune.

    Das, denke ich, solltest du malen. Dieses Licht, es ist zu groß, um in mir zu bleiben – es will aus den Fingern fließen, will es unbedingt. Und überhaupt – da will noch viel mehr heraus. Alle die angefangenen, abgebrochenen, versandeten, zurückgestellten Projekte fallen mir ein, fallen über mich her, wie nach einem Startschuss.

    Für alle fehlt die Zeit.

    Genau in diesem Moment hat die Erinnerung an das Kaufhaus ihren Auftritt. Ha!

    Gegen Mittag beschließe ich, eine Überstunde abzubauen. Die verbleibende Arbeitszeit vergeht wie im Flug und beschwingt mache ich mich auf den Weg zu dem großen Laden mit Künstler:innenbedarf.

    Sobald ich im ersten der langen Gänge stehe, befinde ich mich in einem Ausnahmezustand. Ich schwelge in Muße, berausche mich an den Farben überall, streiche mit den Fingerspitzen durch die Vielfalt der Papiere und tauche schließlich in die Welt der Bücher ein. Ich kaufe nichts – was ich brauche, habe ich bereits.

    Zu Hause lege ich mir sportlich die Kreiden zurecht. Vielleicht am Sonntagmorgen, in aller Frühe … Nur so, zum Vergnügen. Eine Stunde? Hm. Sollte drin sein.

  • Erfolgsrezept

    Ein überaus betagtes Ehepaar steigt in die U 2 und fragt nach dem Hauptbahnhof. Ein Mann gibt Auskunft, die alten Leute nicken.

    „Am Alexanderplatz. Umsteigen. Vielen Dank.“

    Ich stehe neben der Bank, auf der sie sitzen, und sehe Ratlosigkeit in ihren Gesichtern. Leise fragt mich die Frau: „Und wo ist dieser Platz? Wir sind fremd hier, fahren jetzt wieder nach Hause.“

    Sie sind herzallerliebst, diese Beiden, wie sie sich an den Händen halten und betonen, wie offen die Berliner:innen doch seien. „So hilfsbereit“, sagt die Frau, und jedes ihrer orange-roten Haare scheint zu leuchten. „Überall Engel. Wissen Sie, es ist ja alles geistig …“ Der Mann wiederum – Tweed-Jacket, Hornbrille, sehr gerade Haltung – meint, die Deutschen hätten ein grundlegend freundliches Wesen.

    In den fünf Minuten Fahrzeit breiten sie das Rezept für eine gelungene Ehe großzügig vor uns Jüngeren aus: aneinander festhalten, positiv auf die Welt schauen und dabei den ganz eigenen Blick und Standpunkt nicht verraten. Bei den Beiden sieht das einfach aus.

    Da auch ich am Alex umsteige, bringe ich sie die Treppe hinunter zur U 5. Ich wünsche ihnen eine gute Heimreise und lege ein großes Danke! in mein Lächeln. Denn morgen ist mein Hochzeitstag; das Rezept habe ich mir gemerkt.

  • Gesehen werden

    Freundlichkeit lässt sich provozieren. Ich empfehle – aus Erfahrung – eine große Zimmerpflanze mit der Straßenbahn durch mehrere Bezirke zu transportieren. Nie habe ich so viele mir entgegen kommende Menschen breit lächeln sehen wie durch das Blattwerk einer vor den Körper gehaltenen Schefflera. Es ist erfrischend und ein willkommener Motivationsbooster für die Oberarme.

    Es gibt aber noch einen anderen Trigger, habe ich festgestellt, und das kam dann doch überraschend.

    Ich trage rote Cowboystiefel zu femininer Kleidung, und das ist nun wirklich nichts Besonderes, zumal in Berlin. Dennoch höre ich immer wieder Frauen im Vorübergehen Komplimente rufen, junge und ältere Frauen, bürgerliche und hippe. Heute schließlich überholt mich eine Radfahrerin auf dem Fußweg. Recht sportlich zieht sie dicht an mir vorbei und ruft über die Schulter zurückblickend: „Schicke Stiefel. Mit denen werden Sie immer gesehen!“ Ich grinse. Guter Punkt. Vor allem im „Straßen“verkehr.

  • Charmant

    Gerade auf dem Weg nach Hause. Die Nachtschwärmer:innen sind lautstark unterwegs, also stelle ich mich in die Ecke hinter der Fahrertür, gebe mir Musik auf die Ohren und lese. Als sich die Tür gegenüber öffnet und ein Rollstuhlfahrer gekonnt hereinrollt, nehme ich den Kopfhörer ab und frage den Mann, wo er parken möchte.

    Er winkt ab: „Ich steige die Nächste wieder aus.“ Er spricht sehr langsam, hat Mühe, die Worte zu bilden, und ich habe Mühe, sie zu verstehen, aber wir verständigen uns. Er hat eine sanfte Stimme. Mit der kommentiert er nun meine Lektüre. „Sie lesen in einer anderen Sprache“, sagt er. „Nein,“ antworte ich wahrheitsgemäß und zeige ihm den Titel, der bunt und nicht sehr lesefreundlich gestaltet ist. „Sehen Sie? Es heißt Das Ministerium der Zeit.“

    „Ah“, meint er. „Ein Zukunftsroman.“

    „Ja, genau.“

    Der Fahrer bremst ab, wir fahren in den Bahnhof ein, da meint mein freundlicher Mitfahrer, quasi als Nachsatz: „Es wäre schön, man könnte die Gegenwart verstehen.“ Das kommt so trocken, dass ich lachen muss. Ich kann ihm nur zustimmen.

    Im nächsten Moment ist er ausgestiegen, die Bahn in einen weiteren Tunnel eingetaucht. Und fühle mich, als sei ich gerade Graham Gore selbst begegnet, dem charmanten Zeitreisenden aus dem Buch.

  • Mal eben die Zeit anhalten

    Der Zug ist ausgebucht, reguläre Fahrzeit fünf Stunden 13. Mir gegenüber sitzen junge Eltern mit ihrer zwei- bis dreijährigen Tochter. Auf dem Sitz neben mir stapelt sich ihr Gepäck.

    Die Kleine ist ein gewitztes Lockenköpfchen. Bald wird sie Mama und Papa die Welt erklären, doch so weit ist es noch nicht. Im Moment will sie nur Mama. Auf dem Schoß sitzen, während sie „Hey, Pippi Langstrumpf …!“ schmettert, im Arm liegen, wenn sie einschläft.

    Mama müsste mal zur Toilette, aber sie wartet.

    Als das Mädchen aufwacht, wartet die Mutter geduldig noch ein weiteres Weilchen, löst sich dann und macht sich auf den Weg. Natürlich hat sie alles angekündigt und erklärt, aber was hilft das schon. Papa tröstet leise und bleibt weiterhin abgemeldet. Das Kind leidet eine stumme, tränenlose Qual. Es steht aufrecht auf dem Sitz und schaut mit großen Augen in die Ferne der Wagentür, durch die die Mutter verschwunden ist. Papa stützt es vorsichtig ab, die Situation ist ihm nicht neu.

    Mit einem Mal zieht die Kleine resolut ihren Pullover hoch bis unter die Achseln und beginnt sich mit langsamen Kreisen über den zarten Kugelbauch zu streichen. Und weiter, immer weiter, so lange, bis Mama schließlich wieder auftaucht. Dann – ratsch! – ist der Pulli wieder unten. Jetzt kann die Reise weitergehen.

  • So einfach

    Draußen ist Frühling. Ich reiße das Fenster auf. Jetzt ist er drin.

  • Ostern

    Ich schaue bei unserem Junior rein, bevor er einschläft. Er spricht sein Abendgebet, dankt für dies und das. Amen.

    Du kannst auch um etwas bitten, erinnere ich ihn.

    Er wiegt den Kopf hin und her. Die klaren Augen direkt in meinen, sagt er: Ich bin glücklich.

  • Eine Antwort, bitte

    Seit drei Monaten bestücke ich nun diesen Blog und seither geistert die Frage in meinem Hinterkopf herum, ob ich beim Schreiben wohl sensibel genug bin.

    Natürlich bin ich das, ich achte penibel auf meine Wortwahl, nicht nur hier. Außerdem feile ich auch im Nachhinein gern noch an einzelnen Formulierungen herum. Und dennoch: Online zu gehen, ist eine neue Erfahrung, und mit ihr steht nun diese Frage im Raum. Lange genug, denke ich, es reicht jetzt mal. Ich will eine Antwort.

    Derweil gibt es Dinge zu erledigen. Ich muss einkaufen.

    Im Bioladen ist immer ordentlich Betrieb und während ich an der Kasse warte, schaue ich mir die Grußkarten an, die in einem Drehständer angeboten werden. Aquarelle, sehr geschmackvoll. Was die wohl kosten? Meine Augen gleiten auf der Suche nach einem Preisschild über die Metallstreben und bleiben an runden Kühlschrankmagneten mit Sprüchen hängen, die meisten kenne ich. Andere sind mir neu, vor allem der ganz unten. Ich glaube, ich sehe nicht recht, denn da steht tatsächlich:

    no  risk
    no story

    Na also, da habe ich doch meine Antwort.

  • Schöner Gedanke

    Bei Ikea im Aufzug. Die Tür schließt sich, eine junge Mutter rückt ihr Kind im Einkaufswagen zurecht; unsere Blicke treffen sich.

    „Are you a dancer?“ fragt sie.

    Das kann ich nicht einordnen. Ich nehme einen britische Akzent wahr, daran halte ich mich fest. Die Frau scheint keine Antwort zu erwarten.

    Die Tür öffnet sich, und in meine Verblüffung hinein fügt sie ernst, fast feierlich an: „It will always be in you.“

    Ich spüre, wie ich mit einem leisen Nicken reagiere, und was soll ich sagen? Meine Schritte sind leichter, als ich den Aufzug verlasse.

    A dancer. Schöner Gedanke.