Heute Nachmittag, auf meiner üblichen Pendelstrecke. Ich stehe in der gut gefüllten U-Bahn an das dafür vorgesehene Polster gelehnt und höre meine Playlist mit Filmmusik. Rechts von mir drei Schüler, die sich lachend und einander knuffend über ein Handy beugen, das ein Video zeigt. Links von mir ein Junge und ein Mädchen, etwa zwölf Jahre alt, die Englisch miteinander sprechen, tapfer um Worte ringend. Es wird schnell klar, dass sie flirten. Dabei zeigt sich der Junge so anrührend verletzlich, dass ich die Lautstärke an meinem Kopfhörer hochdrehe. Zumindest vor meinen Ohren soll die Intimität der Situation geschützt sein.
Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es eine kleine Lücke, die meinen Blick auf eine verschleierte Frau und einen athletischen Mann mit jeder Menge Tattoos und Sonnenbrille freigibt. Ich höre die Soundtracks und fühle mich wie eine Statistin in die Szene integriert.
An der nächsten Station steigt eine schon ganz krumme, aber drahtig wirkende alte Frau ein und der sportliche Mann steht auf, um ihr Platz zu machen. Ich sehe sie den Kopf schütteln, er aber hält den Klappsitz nach unten gedrückt und nickt ihr einladend zu. Die Frau, klein und hager, wie sie dasteht, spannt sich an und selbst ihr Rücken macht klar, dass sie sich das Angebot verbittet. Dann dreht sie sich brüsk zur Seite und arbeitet sich resolut durch den Wagon nach vorn vor. In ihrem Gesicht trägt sie so viele Runzeln wie der Mann Tattoos, aber ihr Trainingslevel scheint mir in diesem Moment vergleichbar.
Langsam ziehen sich meine Lippen zu einem Schmunzeln auseinander, und auch in den anderen Gesichtern sehe ich ein leises Lächeln aufblühen – außer bei den Kids; die sind mit sich selbst beschäftigt. Der Mann steht noch ein bisschen herum, dann zuckt er die Schultern und setzt sich wieder. Er nimmt die Sonnenbrille ab und grinst in die Runde.
Ich würde sagen, die Szene ist im Kasten.