Schwester T.

Kraft sein. Segen sein.

Texte

  • El Niño

    Der Starkregen ist ausgeblieben und auch der Orkan, die Temperaturen sind gefallen. Dennoch fährt der Wind seit Tagen energisch durch die Kronen der mächtigen Linden und unten, auf der Wiese, bleibt von dem frisch Gemähten nur eine Ahnung. Unzählbar, die Hochblätter, die in einer dicken Schicht verteilt liegen, soweit das Auge reicht. Einzelne Böen wehen lässig die oberen Fünftausend an den Rand des schmalen Wegs, den ich entlang gehe, türmen sie auf wie geräumten Schnee.

    Die Bäume sehen aus wie immer. An ihnen ist kein Verlust erkennbar.

  • Vor dem Sturm

    Noch ist Ruhe. Ich sitze auf dem Balkon, die Füße in kaltem Wasser, und lausche auf das Rascheln in den Bäumen.

    Wenn später das Unwetter losbricht, werde ich am Fenster stehen. Meine Gefühle sind gemischt: Da ist die Sorge um das Klima, der Gedanke an Schäden, doch da ist auch das Spektakel der Natur, die Kraft.

    Am Ende werde ich in Ordnung bringen, was in Ordnung gebracht werden muss; vielleicht in eine neue, angepasste Ordnung. Dann werde ich wieder draußen sitzen, durchatmen und lauschen.

  • Hitzewelle

    Seit Wochen begleitet mich das Geräusch von Heckenscheren und Rasenmähern. Sie arbeiten sich durch mein Viertel und gestern haben sie einen Abschnitt erreicht, durch den ich früh morgens laufe. Es riecht nach frischer Luft und Gemähtem – was für ein Start in den Tag.

    Die Grünanlage sieht aus wie ein Kopf nach einem überfälligen Friseurbesuch. Erleichtert, befreit. Aha, denkt man unwillkürlich, das also steckt hinter der Matte. Hallo, du freundliches Gesicht!

    Derweil schwitzen viele andere Flächen weiter. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, tröste ich die weit in den Fußweg wuchernde Hecke vor meinem Haus. Bald bekommst auch du deine Sommerschur.

  • Da

    Ein Junge, zwei Väter. B, der biologische, S, der soziale. Auf dem Fußballplatz treffe ich beide regelmäßig. S, der Lebhafte, ist Trainer einer älteren Mannschaft, B. ist da. Er ist ein ruhiger Typ, der kein Spiel versäumt. Immer pünktlich vor Ort, verfolgt er die Begegnung, ruft seinem Jungen ein „Gut gemacht!“ zu, wo wir anderen klatschen.

    Der Junge geht seinen eigenen Weg. Er kommt nach B: unaufgeregt, zuverlässig und beharrlich. Zusammen mit wenigen weiteren Spielern seiner Mannschaft ist er zu einer Sichtung beim Olympiastützpunkt eingeladen. Beide Väter sind da, alle sind wir aufgeregt. Der Junge lässt sich von S. noch einmal in eine Umarmung reißen und kräftig auf den Rücken klopfen, ehe er aufs Spielfeld trabt. Durch B. schaut er hindurch, als sei der gar nicht da.

    Doch B. ist da. Und so, wie es aussieht, wird er immer da sein. Noch ahnt der Junge nicht, wie reich er ist.

  • Im Eichenwald

    Eine Eiche kann trocken fallen, obgleich sie weder krank ist noch ein Schatten auf sie fällt. Niemand weiß, warum. Verdorrt steht sie noch für eine Weile aufrecht und dann, unberechenbar und scheinbar wie von Geisterhand gestupst, kippt sie um.

    So liegt sie dann erst mal für die nächsten zwanzig Jahre da, ohne deutliche Spuren von Verwitterung zu zeigen. Der Förster, der uns das erklärt, zeigt auf ein Exemplar, das in der Tat wirkt, als sei es erst vor kurzem zu Boden gegangen. Ist es aber nicht.

    Die tote Eiche wird nun für weitere Jahrzehnte dort liegen, von Kleinstlebewesen immer weiter und vielfältiger als Lebensraum und Nahrungsgrundlage genutzt. In dem toten Baum ist mehr los als es in seinen grünen Zeiten gewesen ist.

    Auch uns, die wir davor stehen und staunen, wird die tote Eiche zum Segen. Wir werden ruhig, wir verbinden uns. Wir erinnern uns daran, wie es ist, zu danken.

  • Vier Tage

    Vier Tage Fortbildung in MeckPomm. Vier Tage Sommer. Wälder und Alleen, Wiesen und Felder, dazu leuchtender Mohn und ein Biber im Schilf. Ab und zu ein Dorf, darin eine Feldsteinkirche. Himmel überall.

    Vier Tage Fortbildung in MeckPomm. Ich habe viel gelernt.

  • Nichts mehr zu meckern

    Irgendwann zieht es die Public Viewer wieder nach Hause. Die nächste U-Bahn kommt erst in zehn Minuten und schon bald stehen wir kompakt. Es wird warm und wärmer, aber die Luft ist erfüllt von aufgekratzten Gesprächen und vereinzelten Lachern.

    Immer noch acht Minuten und es scheint niemanden zu stören. Wie auch?! 7:1! Da gibt es nichts mehr zu meckern.

  • Texas

    Die Haltestelle markiert den Einstieg in eine Route durch die Auenlandschaft und wie immer schaue ich in freudiger Erwartung aus dem Fenster. Toll, denke ich, so nah an einem Wanderweg zu wohnen!

    Meine Station kommt erst fünf Halte später, und da ich auf Arbeit war und zusätzlich beim Sport, bin ich bepackt. Nicht so ideal, um zu „wandern“. Auch das Bedauern darüber ist zur Routine geworden, so ist das eben. Doch dann bewegt sich mein Finger auf den Haltwunsch-Schalter zu und drückt. Mit Rucksack und Tasche wanke ich durch den Gang des Busses und finde mich wenige Augenblicke später an der Straße wieder.

    Das kam jetzt aber plötzlich, finde ich.

    Na, dann eben zu Fuß nach Hause. Geht ja nicht anders. Das stimmt zwar nicht, aber so fühlt es sich an. Die späte Sonne weist den Weg, ich rücke mein Gepäck zurecht, und jetzt wirkt das Ganze schon wie ein kleines Abenteuer.

    Der Weg, oder besser: das ganze Setting, erweist sich als die reinste Idylle – alles, was in meinem Kopf war, ist im Bus geblieben. Dieses Gefühl kenne ich aus dem Urlaub. Bin ich im Urlaub? Sieht ganz so aus.

    Nach einer Viertelstunde führt ein Abzweig mitten in dichtes Grün. Durchaus verlockend, diese Wildnis, aber ich bleibe auf dem Sandweg, will die satten Gelb-Braun-Orange-Töne nicht verlassen und nicht die schwere Wärme eines langen Sommertags. Meine Cowboystiefel sind inzwischen gut eingestaubt, also hey, da kann ich doch auch weitergehen, dem Horizont entgegen, kann „nach Texas reiten, die Sonne putzen“. Yeah.

  • Im Musentempel

    Am Fenster sitze ich am liebsten. Dort, wo Arbeitstische aneinandergereiht stehen, mit Holzstühlen, deren Sitzfläche plan ist. Dort, wo der Blick auf die Heilig-Geist-Kirche fällt. Wenn die Sonne tief steht und den monumentalen Backsteinbau mit seiner Kuppel und all den Türmchen geradezu glühen lässt, weiß ich wieder: Hier bin ich richtig.

    Heute bin ich nebenan untergekommen, im gemütlichen Teil der Bibliothek zwischen Artothek und Vinyl-Station. Hier scheint mir die Sonne direkt ins Gesicht. Hinter mir weiß ich die Kirche; mit ihrem Glühen wärmt sie mir den Rücken.

  • Irgendwie bekannt

    Wir wollen uns am Eingang zum Gelände treffen; ich bin zuerst da. Ein Mann, offensichtlich ein Vater, löst sich aus einem Zweiergespräch, strahlt mich an und fragt: „Was machst du denn hier?“ Erstaunt.

    „Mein Junior spielt gegen die Gastgeber. Ich warte auf ihn.“

    „Ach … Wo spielt er denn?“ Ich nenne den Verein und das Spielfeld. Er staunt noch immer und geht dann rein. Ich habe keine Ahnung, wer er ist.

    Während des Spiels kommt er noch ein paar Mal an dem Pulk vorbei, in dem ich stehe. Jetzt grinst er, hat begriffen, dass er mich verwechselt hat. Macht nichts. Ab dem dritten Mal nicken wir uns zu. Schließlich sind wir einander inzwischen irgendwie bekannt.

  • Altersbedingt befreit

    Hat man die Fünfzig überschritten, lassen Jugendliche ihre Konversation ungeniert durch einen hindurch pendeln, ein bisschen so, als sei man ein Hogwarts-Geist.

    So auch heute in der U-Bahn.

    Ein Junge, ein Mädchen, direkt hinter dem Fahrer, rechts von mir, stehend; drei weitere Jungs bei der nächsten Tür, links von mir, sitzend, zwei davon in ein Fußballmatch verstrickt. Anscheinend spielen sie gegeneinander – auf den Handys natürlich. Der dritte, mobil-los, schaut mit rein. Die Beiden rechts behandeln ihr eigenes Thema; laut genug, um die anderen teilhaben zu lassen.

    „Ich muss zu meiner Oma“. Stöhnen.

    „Oh! Ich bin total gern bei meiner Oma.“

    „Naja. Ich würde lieber in Berlin bleiben. Champions-League-Finale gucken.“

    „Meine Oma ist toll. Die macht die ganze Zeit Mittagsschlaf.“

    „Ey“, kommt es von links. „Wie isses jetzt mit Snowboard.“

    „Weiß noch nicht. Muss zu meiner Oma. Sieben-dreißig Abfahrt …“ Stöhnen.

    Das Mädchen: „Tiefschnee ist toll.“

    Links: „Aber nicht gleich schwarz, sonst brichst du dir auch den Arm wie der da, Alter.“ Gelächter. Abwinken. „Der Arsch war schlimmer.“

    Haltestelle. Alle außer dem Jungen mit der Oma steigen aus. Mächtiges Gerangel unter den Jungs.

    „Tschüs“, ruft das Mädchen.

    Erfrischend, das Ganze. Vom Verstehen bin ich altersbedingt befreit.

  • Alles muss raus

    Ich habe gerade die Straße überquert und wende mich nach links, um zur U-Bahn hoch zu laufen, da kommt mir ein 14- oder 15-Jähriger entgegen und spricht mich an. Er ist in Begleitung eines Freundes, der aber so passiv bleibt, dass ich ihn bald gar nicht mehr wahrnehme.

    „Kann ich Sie etwas fragen?“ beginnt der Junge und seine Brackets glänzen mich an. Zwischen den Fingerkuppen balanciert der Filter für eine Selbstgedrehte. „Ja, klar“, sage ich; bestimmt sucht er einen Späti, wo er noch eine Cola bekommen kann.

    „Kennen Sie Dennis Schröder?“ und kaum mein verblüfftes Nicken abwartend: „Und Dirk Nowitzki?“ Nun, den kennt ja wirklich jeder. Ich antworte also positiv und schaue mir den jungen Mann etwas genauer an. Er wirkt nicht angeschickert, aber ganz sauber kann er kaum sein, so offenherzig wie er auftritt. Nicht gerade typisch für sein Alter.

    Wir reden ein bisschen, ich erfahre, dass er Basketball spielt und gern zu Alba wechseln würde. Ich wünsche ich ihm viel Erfolg dabei. Dann zieht er mit seinem Freund in Richtung Cantianstraße weiter. Dort hat mein Sohn tatsächlich einmal Dennis Schröder getroffen, als der auf Heimaturlaub war. Vielleicht wollen auch die beiden Jungs noch ein paar Körbe werfen – ehe sie ins Bett müssen. Morgen ist ein Schultag.

    Später, in meiner Siedlung, wirft ein Vogel sein Solo in die Stille – leider kann ich ihn nicht bestimmen, aber sein Talent ist beachtlich – und da muss ich wieder an den Jungen denken. Beide wollen sich bemerkbar machen, jeder auf seine Weise, jeder in seinem Revier. Von wegen „nicht ganz sauber“! Es ist einfach Frühling: Alles muss raus.