Schwester T.

Kraft sein. Segen sein.

Therese

  • Sonnenblumen

    Auf meinem Weg durch die Siedlung begegnen mir zuweilen kleine Grüppchen von Sonnenblumen, mal an einen Zaun gepflanzt, mal direkt neben dem Hauseingang. Alle haben sie dünne Stängel und relativ kleine, aber sehr vital wirkende Blüten. Zwei Meter fünfzig sind sie mindestens hoch und falls sie von etwas gestützt werden sollten, wurde diese Hilfe gut getarnt.

    Nach jedem Sturm biege ich bange um die entsprechenden Ecken und jedes Mal bin ich erleichtert, meine Freundinnen unversehrt anzutreffen. Wie sie mich anstrahlen, so strahle ich zurück. Oder ist es umgekehrt?

  • Was ich brauche

    Meine erste eigene Wohnung lag in einer Siedlung aus den Zwanzigerjahren. Es gab nur Erdgeschoss, erste Etage und Dachwohnung, dazu für jede Mietpartei eine Gartenparzelle hinter dem Haus. Die Gemeinschaft war gut, die Jungen hatten ein Auge auf die Alten, die Alten wussten Rat in allen Fragen von Haus und Garten.

    Unter mir lebte ein kinderloses Ehepaar, sie Mitte achtzig, er deutlich älter. Sie waren eines dieser liebevollen Paare, bei denen einem das Herz aufgeht, aber ich habe sie nicht beneidet. Ich lebte selbst mit meiner, wie ich glaubte, ewigen Liebe zusammen, und damit war die Sache für mich klar. Alt würden wir von allein werden, und haste-nicht-gesehen wären es auch bei uns 60 Jahre plus x.

    Worum ich die Frau beneidet habe, war ihr tägliches Einkaufen. Es ging etwas Friedlich-Zufriedenes von diesem immer gleichen Weg aus. Und wenn sie zurückkam, lag das Gemüse offen in der Tasche, nie war sie bepackt wie ein Esel.

    Jetzt mache ich es selbst so. Ich koche für zwei Tage, so viel Effizienz muss dann doch sein, aber was ich dafür brauche, kaufe ich frisch, und kein Ausleiern der Arme dämpft meine gute Laune. Oft spüre ich das Gefühl von damals, es ist exakt dasselbe, nur meldet es sich nicht als Sehnsucht, sondern als Genuss mit einer Prise Genugtuung darüber, dass ich mir diese Entschleunigung erlaube.

  • Sturm

    Früher gab es Sturm – im Frühjahr ein bis zwei, im Herbst zwei bis drei und auch mal einer im Sommer, bei Gewitter, aber nicht immer. Es gab die sprichwörtliche „Ruhe vor dem Sturm“, die sich anfühlt, als ob die Welt gerade zum Stillstand käme. Das war immer ein bisschen gruselig, aber man war gewarnt. Man holte die Wäsche rein und danach kam sie wieder raus.

    Jetzt gibt es Wind und der kennt keine „Ruhe vor“. Starker Wind ist auch nicht selten, ähnlich wie damals der Sturm, nur dass er tagelang anhält.

    Heute ist so ein Tag, schon der zweite, um genau zu sein. Es bläst so wild, dass die Blumenkästen wackeln. Da ich nicht riskieren will, dass es den Ständer über die Brüstung hebt, lasse ich die Wäsche drin.

    Eigentlich ganz schön anzuschauen, so ein Herbstwetter. Die Wolken ziehen, die Sonne kommt und geht. Wie am Meer. Nur ohne Meer.

  • In memoriam

    Liebe geht durch den Magen – und manchmal nährt sie auf ewig.

    Heute ist der Todestag meiner Mutter, aber Erinnerungen an sie begegnen mir im Alltag an vielen Tagen des Jahres. Häufig direkt in mir selbst, denn ich habe so einiges von ihr übernommen, und am intensivsten spüre ich die Verbundenheit beim Essen.

    Es gibt Gerichte, die kennt gefühlt niemand außerhalb unserer Familie. Es sind einfache Mahlzeiten, die ich schon als Kind besonders gern mochte. Heute gibt es, meiner Mutter zu Ehren, eine Kartoffelsuppe nach Familienrezept mit einem Zwetschgenkuchen direkt hinterher. Das gilt bei uns im Herbst als ein Gericht. Obwohl es bei mir ein Apfelkuchen geworden ist, immerhin ebenfalls nach Art des Hauses. Zwetschgen gibt es noch nicht.

    „Riecht mal …!“ hat meine Mutter genüsslich gerufen, wenn der Duft des fast fertigen Kuchens durch die Küche zog, Und ohne jede Aufforderung holten wir die Teller aus dem Schrank. Beides gehörte zum Ritual. Ich muss immer lächeln, wenn ich daran denke.

    Diese Freude ist mir das liebste Erbe.

  • Tattoo

    Jetzt verschwinden sie immer mehr unter Ärmeln und Hosenbeinen, wie schade. Der Berliner Sommer ist reich an nackter Haut und reich an Tattoos, sowohl gestochen als auch gemalt, aber mit Sommer ist ja nun nicht mehr viel.

    Es ist ein angenehmer Zeitvertreib, die statements zu betrachten, oft sind sie ziemlich eigen, und es ist deutlich zu spüren, wie hier jemand genau in dieser und keiner anderen Haut stecken möchte. Das muss man würdigen.

    Nun, meine Trauer hält sich Grenzen, es gibt ja die Männer unter ihnen, und die kennen bekanntlich keinen Winter. Auf ihren Teil der Galerie werde ich auch bis zur nächsten Hitzewelle nicht verzichten müssen.

  • Loslassen

    Spätsommer. Warmes Licht und kühle Abende. Die Tage werden kürzer – und meine noch mehr. Ich arbeite wieder in Vollzeit und spüre das Ticken der Uhr in den Knochen.

    Nicht ganz überraschend, wird mir klar, dass mein Tag nach wie vor nur 24 Stunden hat. Will ich meine Nächte auch weiterhin mit Schlafen verbringen, muss ich tagsüber etwas loslassen. So weit, so logisch.

    Nur: was? Der Blog jedenfalls wird es nicht sein.

  • Frise

    Gestern habe ich mir die Haare kinnlang schneiden lassen, alle auf eine Länge. Jetzt können sie in Ruhe herunterwachsen. Ich kann warten.

    Lange wird es gar nicht dauern, meine Haare wachsen schnell. Bald kann ich mir ein Zöpfchen binden. Noch ein bisschen später, und es wird ein Zopf sein. Und dann: ein loser Zopf, ab dem Nacken lässig geflochten. Ich sehe es vor mir. Cool.

    Wahrscheinlicher ist, dass ich auf halber Strecke bei meiner Friseurin lande und sie machen lasse. Wir haben schon so einiges durch und ich wette, sie wäre nicht groß erstaunt, mich zu sehen.

    So viel zum Wartenkönnen.

    Noch aber bin ich überzeugt von meinem Projekt Frise, vielleicht kommt es diesmal ganz anders. Vielleicht überrasche ich mich selbst.

  • Glück gehabt

    Es ist einer meiner letzten Urlaubstage und ich beginne ihn ebenso zeitig wie motiviert. Ich werde ein Metallregal aus dem Baumarkt abholen und mein Kellerabteil aufräumen. Als um 7 Uhr eine Nachbarin läutet, erhält der Plan eine unerwartete Aktualität.

    „Wir haben einen Wasserrohrbruch im Fahrradkeller“, erklärt sie mir, und fragt, ob ich mein Rad rausstellen möchte. Ich möchte. „Havariedienst und Hauswart habe ich angerufen. Es ist ein Abwasserrohr.“

    Im Keller stehen bereits mehrere Zentimeter Wasser, also ziehe ich Schuhe und Strümpfe aus und stakse vorsichtig hinein. Hätte ich besser gelassen, sagt mir wenig später der freundliche Hauswart, wegen der Bakterien, aber da bin ich schon wieder draußen.

    Gut, sage ich mir. Gut, dass mein Kellerabteil auf der anderen Seite liegt. Gut, dass der Hauswart so schnell kam. Gut, dass ich gerade heute ein Regal besorgen und montieren wollte. Gut aber vor allem, dass ich beim Ausmessen zum ersten Mal den Blick bewusst nach oben gerichtet habe. Dort, unter der Decke, führt nämlich ein fettes Rohr direkt durch mein Abteil.

    In meinen Ohren klingt der entspannte Tonfall der Nachbarin nach: „Das ist nicht das erste Mal.“

    Okay, ich muss los. Will noch Gummistiefel besorgen. Und Plastikboxen. Mit Deckel. Wo ich schon mal dabei bin …

  • Heimat

    Vor vielen Jahren bin ich aus einem anderen Bundesland nach Berlin gezogen, um hier zu leben und zu bleiben. Zugleich schlägt mein Herz weiterhin auch für die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, für den Dialekt, die regionale Küche, für all die mit Erinnerungen verbundenen Orte und Menschen.

    Drei Tage lang auf altvertrauten Pfaden unterwegs und Atmosphäre atmend, tanke ich eine innere Ruhe, die nach der Rückkehr in meinen Berliner Alltag einfließen wird.

    Es tut gut. Der Ort von damals, der Ort von heute. Die Zugehörigkeit zu beiden.

  • Drama

    Der legendäre englische Rasen in den Parks von London hat sich in Steppe verwandelt und aus meinem Handy tönt in unregelmäßigen Abständen ein Alarm, der vor Waldbränden warnt. Da wirkt der satt grüne Fußballrasen fast schon skandalös.

    Und dennoch. Während ich im leeren Stadion stehe, spüre ich die Hoffnung in den Rängen, den Glauben an Wunder, die Kraft, die Gemeinschaft. Ich spüre das Potenzial.

    Dazu passt, dass ein Teilnehmer (m) der Stadiontour fragt, ob am Wochenende ein Spiel stattfinde. Als unser guide (w) die Zeit nennt, setzt der Frager nach: „Oh no, I meant the women‘s. Sorry, forgot to mention“. Dazu passt auch, dass in der Umkleide Trikots aus dem Frauenteam hängen, noch in der Unterzahl, aber nicht irgendwo, sondern in einer gemeinsamen Ordnung mit denen der Männer, die ihrerseits nun nicht mehr vollständig präsentiert werden (können).

    Believe it or not: Fußball spielt eine Rolle auf der gesellschaftlichen Bühne. Auch im Positiven.

  • Underground

    Der Weg mit der S-Bahn zum BER gestaltet sich gewürzt mit den inzwischen üblichen außerplanmäßigen Hürden und ich frage mich, wie es mir wohl in London ergehen wird. Ich habe erfahren, dass die Leute dort in der U-Bahn nicht sprechen. „Nur Tourist:innen tun das.“ Okay, denke ich. Mal sehen, ob ich das schaffe.

    Und was soll ich sagen? Ich gehe glatt als Einheimische durch, als wir mit immerhin drei U-Bahnen vom Flughafen zu unserer Unterkunft fahren. Es ist nicht einmal schwer.

    Denn das Rattern und Quietschen während der Fahrt ist ohrenbetäubend, meine Stimme hätte keine Chance, selbst wenn sie sich erheben wollte. Das heißt: Dieser Punkt geht an die BVG. Und natürlich an mich – für angemessenes Betragen.

  • Reisefieber

    Da ist sie wieder, diese Mischung aus Vorfreude und Beklemmung, zwei Tage vor Abfahrt. Sie kommt, sie geht. Dabei ist alles schick. No problem whatsoever.

    Ich fasse einen Entschluss, once and for all: Alles auf Freude – full steam ahead. London, wir kommen!