Schwester T.

Kraft sein. Segen sein.

Therese

  • „Weil wir dich lieben“

    Die BVG bietet Anlass zu vielgestaltigem Kummer, wie fast täglich zu erleben ist. Sie kann aber auch anders.

    Schon zum zweiten Mal (von zwei Malen) habe ich dank einer Fahrerin oder eines Fahrers mein in der Bahn stehen gelassenes Hab und Gut vollständig und unbeschädigt zurückerhalten. Beim ersten Mal waren es gerade gekaufte und noch originalverpackte Rollos von Ikea – letzten Donnerstag war es mein Rucksack. O weh. Geld, Ausweise und Handy trage ich zwar am Körper, die waren mir also geblieben, aber Schlüssel und Terminkalender waren bittere Verluste.

    Nun denn. Online-Formular ausfüllen und warten – mehr blieb mir nicht zu tun. Und siehe da, schon heute kam die Benachrichtigung, dass ein Fundstück meiner Beschreibung entspricht. Puh, was war ich froh. Und ich konnte sofort kommen. Keine Bearbeitungszeit oder andere Verzögerungen. Alles war wieder gut.

    Also, Leute: nicht ärgern, wenn die Bahn „unregelmäßig“ fährt oder ein Gelenkbus als „Schienenersatzverkehr“durch Nebenstraßen mäandert. Einfach mal gedankenverloren aussteigen und etwas zurücklassen. Schon wird man überrascht, denn … genau! Freundlich waren sie auch noch, und zwar alle. Ich schätze, „Weil sie mich lieben“.

  • Frauentag

    Vormittags im Park. Ein etwa vierjähriges Mädchen auf Rollschuhen stürzt, die Schwester fährt mit ihrem Laufrad daran vorbei. Die Mutter stellt das Mädchen wieder auf die Beine und es fährt weiter. Keine Tapferkeit, keine Tränen. Hinfallen, aufhelfen lassen, weiterfahren und kein Blick zurück. Alle Drei ohne Sorge.

  • Es

    Es muss nur
    wie zum ersten Mal
    geschehn
    zum ersten Mal
    nach langer Zeit
    Es muss sich
    neu anfühlen muss
    nach Wandel riechen
    und
    Schon wird vergessne Glut
    geschürt
    Schon sorgst du selbst dafür
    dass Es passiert.

    Das Wetter gehört nicht zu dem, was „passiert“, weil eine Person „dafür sorgt“, und das garantiert Überraschungen. Ich orientiere mich nur grob an der Wetterkarte, deshalb komme ich ziemlich regelmäßig in deren Genuss. Zum Beispiel heute.

    Nach wie vor liegt Schnee und in der großen Gießkanne schwimmt eine letzte dünne Schicht aus Eis. Es ist kalt. Und dennoch: Die Sonne scheint und (Überraschung:) sie bleibt, die Vögel erzählen sich vom Frühling und auch ich will einfach nur ins Freie.

    Also habe ich alles liegen uns stehen gelassen und mein Wohnzimmer hergerichtet (Wer hält sich schon an die eigenen To-do-Listen?!). Da der Raum, der als Wohnzimmer vorgesehen ist, bei mir ein Arbeitszimmer mit Sofa ist, habe ich das eigentliche, will sagen: den Platz für Muße und das pure Sein, nach draußen verlegt. Dort gab es heute mein Mittagessen und den Kaffee, in der Sonne und „zum ersten Mal nach langer Zeit“. Alles lacht mich an. Und alles ist mir geschenkt.

  • Schelm

    Noch einmal Winter, satt. Schnee, Eisregen, kollabierende Öffis. Ich bin früher aufgestanden und zu nachtschlafender Zeit mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Wie erhofft, ist der Schnee unberührt und ich finde gut Halt unter den Sohlen. Nur ein Zeitungsausträger rumpelt mit seinem E-Bike an mir vorbei, ansonsten ist es still.

    Da torkelt mir auf einer verlassenen Kreuzung ein kräftiger junger Mann mit Bart entgegen, die Jacke offen, irgendwie beschwingt. Mit wenigen Schritten schafft er es, seine Bahn so zu nehmen, dass er frontal auf mich zusteuert. Wir weichen beide gleichzeitig aus, er reißt die Arme auseinander, als wollte er die Welt umarmen oder ein Lied anstimmen. Dann spricht er mich an, klar und deutlich:

    Magst‘ mir ’n Salat kaufen?

    Salat?! Ich stutze, dann pruste ich los. Er stimmt mit ein, in seinen Augen glitzert es. Ein Schelm. Ach, Berlin, was tust du gut!

  • Unterwegs

    Gestern in der U 6. Eine Frau steigt ein, legt sofort los: Verkauf der Obdachlosenzeitung, Probleme durch Trennung, bereits im Jobcenter gemeldet, jetzt Wohnung verloren, nur der Hund geblieben. Sie spricht so laut, dass ich zusammenzucke, aber die Stimme ist sympathisch, irgendwie wach, noch frisch, als sei es nicht bereits nach 20 Uhr, das Ende eines bitterkalten Tages. Kein Spaß für Wohnungslose. Jede Spende sei willkommen: Geld, Essen, Trinken, Pfandflaschen. Für sie oder den Hund.

    Zielstrebig läuft sie den Gang entlang und schiebt etwas kleinlaut hinterher, ob jemand eine Zeitung kaufen wolle? Den Finger im Buch, angle ich mit der anderen Hand eine Tüte mit Gebäck aus meinem Rucksack, da ist sie schon fast an mir vorbei. Ich kann gerade noch den Ärmel antippen, vielleicht hört sie auch das Rascheln der Tüte, jedenfalls dreht sie sich um. Sie wirkt völlig verblüfft, mit den Gedanken weit weg. Ein Danke, ein Lächeln, dann eilt sie weiter. Sie hat noch zu tun.

  • Schnee

    Schnee ist in Berlin zu einer Seltenheit geworden, zumal, wenn er liegen bleibt, diesmal sogar in Rodelhöhe. Und er wird gefeiert, egal, ob er mit Windstößen herunterkommt, oder einfach unter Blau und Sonne ausharrt.

    Ich liebe Schnee, und gerade in der Stadt. Die kalte und (gefühlt) saubere Luft bei gleichzeitiger Dämpfung des Lärms: aller Dreck zugedeckt, haha. Trotzdem schön. Und dann die Helligkeit. Ja, ich liebe den Schnee, zumal, wenn er liegen bleibt usw.

    Und das ging mir auch früher schon so. Als Kind hatte ich einen rot eingefassten schwarzen Wollponcho mit silberfarbenen Knöpfen. Ich kann mich genau daran erinnern, dass es mein Bruder war, der mich eines Morgens in den Kindergarten brachte – ein Highlight. Und dann. Und dann! Fing es auch noch zu schneien an! Ich konnte mein Glück kaum fassen und beobachtete fasziniert die Muster, die immer neue Flocken auf meinen Poncho malten.

    Ein paar Jahrzehnte später wohnte ich direkt hinter der Nürnberger Altstadt und eines Nachts zeigte sich mein Weg ähnlich verzaubert wie heute. Es war spät genug, die Schneedecke lag unberührt. Die Kulisse wirkte märchenhaft; Schneegestöber im Lichtkegel der angestrahlten Burg. Ich ging nach Hause und schrieb ein Gedicht:


    Im neu gebornen Schnee
    die Einsamkeit
    selbst in der kleinen Faust
    bereits der Tod
    Und während die gezuckerte Stille
    leuchtender Nächte mir
    den Weg nach Hause weist
    prägt sich das Profil
    der derben Sohle knirschend
    in die staunende Zerbrechlichkeit.


    Ich war jung, ich konnte den Tod leicht nehmen. Wie würde ich heute schreiben? Schnee, bleib liegen, dann werd ich es (vielleicht) erfahren!
  • Willkommen

    Schwester
    steht für Verbundenheit

    T.
    steht für Therese

    Willkommen also
    bei Schwester T.