Draußen heiß, drinnen warm. Doch dann weckt mich das sanfte Tosen eines kräftigen Regens. Ich liege still da, nehme Witterung auf. Gleich wird er sich zeigen, der frisch geduschte Tag.
Therese
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Luxus
Wie gut, dass Koffein zwar meine Sinne schärft, mich aber nicht am Schlafen hindert. So kann ich mir zu später Stunde, wenn andere vielleicht ein Glas Rotwein genießen, einen letzten Kaffee aufbrühen. Wenn alles zur Ruhe gekommen ist und noch Zeit bleibt, um den Tag ausklingen zu lassen, drinnen oder draußen. Muße ist der wahre Luxus.
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Ferien
Es müsste nicht einmal die Sonne scheinen. Allein, zu wissen, dass der Tag uns gehört, ebenso der morgige und auch der danach und …
Die Zeit gibt sich träge und wir pflücken die Stunden im Vorüberschlendern, lassen sie uns minutenweise auf der Zunge zergehen wie eine in Licht und Wärme gereifte Frucht.
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Gebannt
Als meine Mutter bereits seit einigen Jahren in Rente war, hat sie mir eines Tages resolut eröffnet, sie werde keine Bücher mehr ausleihen. Sie sagt es in demselben Tonfall wie „Es kommen mir keine Süßigkeiten mehr ins Haus“, und sie sagt es aus demselben Grund. Das Zeug macht süchtig. Einmal angefangen, kann man kaum noch aufhören, und ehe man sich‘s versieht, sind Stunden vergangen. Wie gut ich das kenne.
Heute ist ein milder Sonnentag und ich will eigentlich eine Runde durch den Park laufen. Ich habe bequem Zeit, bis ich später verabredet bin, und doch kommt es nicht dazu. Nun ja, rausgehen kann ich auch am Abend noch.
Meine Mutter war noch lange Rentnerin – und gebannte Leserin. Wir haben nie ein Wort über die Episode verloren. -
Hallo und Willkommen
Wir sind ein ruhiges Haus in einer ruhigen Gegend. Die Leute sind freundlich, nehmen auch mal ein Paket an, so bleibt man in Kontakt. Bei mir direkt gegenüber ist es seit einer Weile besonders ruhig und niemand nimmt irgendetwas an, denn meine Nachbar:innen sind ausgezogen.
Nun steht ein neuer Name auf dem Klingelschild und als ich läute, um Hallo zu sagen, öffnet sich die Tür und ich schaue in das erstaunte Gesicht eines jungen Mannes; hinter ihm die leere, lichtdurchflutete Wohnung. Wir unterhalten uns kurz, sagen Du und verabreden, uns bei Bedarf auszuhelfen.
Ich liebe die Stille, aber das spricht nicht gegen die Geräuschkulisse eines gelebten Lebens. Alles zu seiner Zeit. Ich freue mich auf die kleine Familie.
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Durchblick
Ich muss mich irgendwann auf die Brille gesetzt haben, denn hätte ich einen Schlag auf die Nase bekommen, wüsste ich davon. Jetzt stehen die Pads zu weit auseinander und der Steg drückt auf den Nasenrücken. Es ist nur die Ersatzbrille, aber auch sie brauche ich ab und zu. Intakt.
Ich spreche also beim Optiker meines Vertrauens vor und nehme an dem mir zugewiesenen Tisch Platz, lege die Brille bereit und warte. Gleich nebenan löchert ein äußerst gut vorbereiteter Kunde seine Beraterin zu Qualitäten von Gläsern, Herstellungsprozessen und Kennzeichnungen. Auch erklärt er, was er bei einem bestimmten Konkurrenzunternehmen dazu erfahren hat.
Die junge Frau antwortet entspannt. Sie ist in ihrem Metier und freut sich sichtlich über die Gelegenheit, in der Tiefe Auskunft zu geben. Verstohlen schaue ich auf meine Brille. Tja, ich bin heute nicht der Jackpot, so viel steht fest.
Dennoch nimmt eine andere Beraterin den kleinen Eingriff an meinen Pads mit der gleichen Freundlichkeit vor, wechselt sie sogar aus und putzt danach meine Hauptbrille. Der übliche Service.
Am Nachbartisch geht es munter weiter – fehlt nur das Getränk in der Hand. Kurz erwarte ich, dass der Mann die Frau fragt, wann sie heute Feierabend hat, verwerfe den Gedanken aber wieder. Zu viel Hollywood.
Ich packe die eine Brille ein, rücke die andere zurecht, sehe wieder klar. Vielen Dank.
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Auszeit
Ich bin Strohwitwe. Gehe zur Arbeit, treffe am Wochenende die Tochter auf einen Spaziergang und schaue mir ansonsten die fröhlichen Bilder an, die mich aus dem Urlaub der anderen erreichen.
Mein eigener Urlaub beginnt jeden Nachmittag aufs Neue. Ich tue, wonach mir ist, und es sind meist ganz banale Dinge. Fast immer entwickelt sich dabei eine Art Flow. Fantastisch. So für eine Woche.
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Leben
Ein junges Paar in der U-Bahn. Die Frau, aufrecht sitzend und mit einem klugen Ausdruck in dem jugendlichen Gesicht, wirkt rein äußerlich in jeder Hinsicht blass und unscheinbar. Unter all den kontrolliert lächelnden, liebevoll zurechtgemachten Schönheiten ihrer Altersgruppe, die den Wagen bevölkern, sieht sie aus wie ein Rohling, unbearbeitet. Es ist faszinierend, wie sehr sie auffällt.
Ich mag sie. Ihr Lachen ist perlend und unbeschwert wie das eines Kindes, die Augen leuchten. Ich verstehe nicht, wovon sie erzählt, aber es dürfte etwas Witziges sein, denn der junge Mann hängt an ihren Lippen, bricht ebenfalls in Lachen aus und auch seine Augen strahlen. Ich mag sie beide.
Zuhause überlege ich, was an ihnen so wohltuend auf mich gewirkt hat. Zuerst denke ich: Die Zwei sind das personifizierte Offline – deshalb. Aber nein, das trifft es nicht wirklich. Die jungen Leute haben mich vielmehr in eine Zeit zurückversetzt, in der es die Unterscheidung von Online und Offline noch gar nicht gab. Es war die Zeit, als alles einfach nur „Leben“ war.
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Abend
Ich sitze auf dem Balkon und schaue zu, wie die Sonne zwischen den Baumkronen verschwindet und der Himmel nach und nach in Rot- und Gelbtönen zerfließt, bis er pastellfarben wird und verblasst. Das Flachdach des Wohnblocks hinter der Grünanlage, in der die Bäume stehen, wirkt wie ein Horizont. Darüber der Polarstern. Ab und zu kreuzt pfeilschnell eine Fledermaus meinen Blick. Es ist vollkommen still. Auch das ist Berlin.
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Da freut sich jemand
Ich sitze in der U-Bahn, ganz in meine Lektüre vertieft. Es ist eine ruhige Fahrt. Erst als zwei Touristinnen mit ihren Koffern kämpfen und es kurz klirrt, schaue ich auf. Brauchen sie Hilfe mit dem Gepäck? Nein, sieht nicht so aus.
Doch sie wirken ratlos. Eine von ihnen lässt einen Schlüsselbund aus ihrer Hand gleiten und legt ihn gut sichtbar auf den leeren Sitz zwischen sich und mir. Er habe schon dagelegen, erklärt sie mir auf Englisch. Ich nehme den Bund, bedanke mich und bringe ihn zur Fahrerin.
„Da wird sich jemand freuen“, stellt sie fest und ich stimme ihr zu. Vier Sicherheitsschlüssel, das wäre teuer geworden. Wir wechseln ein kleines Lächeln. Wir freuen uns mit.
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Liebesdienst
Es heißt, jeder uneigennützige Dienst beschenke einen auch selbst. Nun ja, das mag sein, aber: Bekommt man etwas davon mit? Meistens nicht. Zu lange ist es her, zu verschieden sind Ursache und Wirkung.
Aber manchmal eben doch.
Da war eine Mutter und es war ein Schwiegersohn. Beide vor vielen Jahren in die USA eingewandert, sie aus Deutschland, er aus El Salvador. Um eine gute Basis zu schaffen, beschließt die Frau, Spanisch zu lernen. Sie bleibt dran und kämpft sich durch, freut sich über die kleinen Gespräche, die mit dem jungen Mann und seiner Familie möglich werden.
Jahre vergehen. Inzwischen ist das Spanisch der Frau so weit fortgeschritten, dass sie einen Konversationskurs besuchen kann. Dort trifft sie auf Menschen, die aus Süd- und Mittelamerika stammen, aus den Ländern Asiens und Europas. Die wenigen eingeborenen US-Amerikaner:innen haben lange im Ausland gelebt, z. T. wurden ihre Kinder dort geboren. Alle sprechen sie Spanisch.
Sie haben eine vergnügliche Zeit zusammen, mit ihrem unverdrossenen Bestreben, einen Weg vom Radebrechen in flüssiges Sprechen zu finden, sind neugierig auf die weltumspannenden Erfahrungen der jeweils anderen.
Es ist ein Drop-in-Angebot, wöchentlich, offen für alle, die Zusammensetzung variiert, die Themen kommen aus der Mitte der Gruppe. Ist die Zeit um, gehen die Teilnehmer:innen wieder auseinander. Als Menschen verbunden.
Fasziniert höre ich dem Bericht über diese Treffen zu. Man kann eine Gruppe organisieren, nicht aber diese besondere Qualität, denke ich. Und dennoch: Durch mindestens eine der Teilnehmer:innen wurde die Saat dazu gelegt, viel früher und an anderer Stelle, ohne die Erwartung einer Gegenleistung, mit einem Dienst am Nächsten. Was daraus erwächst, bleibt wie immer Überraschung; es ist schließlich ein Geschenk.
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El Niño
Der Starkregen ist ausgeblieben und auch der Orkan, die Temperaturen sind gefallen. Dennoch fährt der Wind seit Tagen energisch durch die Kronen der mächtigen Linden und unten, auf der Wiese, bleibt von dem frisch Gemähten nur eine Ahnung. Unzählbar, die Hochblätter, die in einer dicken Schicht verteilt liegen, soweit das Auge reicht. Einzelne Böen wehen lässig die oberen Fünftausend an den Rand des schmalen Wegs, den ich entlanggehe, türmen sie auf wie geräumten Schnee.
Die Bäume sehen aus wie immer. An ihnen ist kein Verlust erkennbar.