Früher, erst als Jugendliche, dann als junge Erwachsene, war Geld knapp. Doch ich wusste mir zu helfen. Als Schülerin nahm ich mir zusammen mit meiner besten Freundin zu Beginn der Sommersaison die Damenabteilung eines Kaufhauses vor und wir probierten alles an, was wir gern gekauft hätten. Zeit spielte (fast) keine Rolle und wir machten so lange weiter, bis uns die Lust am Kaufen ohnehin vergangen wäre. Plattfüßig, aber beseelt von unseren wundersam wandelbaren Spiegelbildern kehrten wir in unsere Familien zurück.
Später, mit einem kleinen ersten Haushalt, als Zeit durchaus eine Rolle zu spielen begann, ging ich direkt in die Stoff- und Kurzwarenabteilung – das gab es damals noch – und nähte mir zu Hause einen Vier-Bahnen-Rock. Noch einen Gürtel dazu, und schon wirkten auch die T-Shirts aus dem Schrank irgendwie wieder neu.
Daran erinnere ich mich nicht, als ich heute im Dauerregen auf dem Weg zur Arbeit bin. Noch nicht. Vorerst komme ich an einem Ginsterbusch vorbei, dessen unzählbare winzig hell gelbe Blütenblätter ein so surreal wirkendes Leuchten ausstrahlen, dass ich stehen bleibe und staune.
Das, denke ich, solltest du malen. Dieses Licht, es ist zu groß, um in mir zu bleiben – es will aus den Fingern fließen, will es unbedingt. Und überhaupt – da will noch viel mehr heraus. Alle die angefangenen, abgebrochenen, versandeten, zurückgestellten Projekte fallen mir ein, fallen über mich her, wie nach einem Startschuss.
Für alle fehlt die Zeit.
Genau in diesem Moment hat die Erinnerung an das Kaufhaus ihren Auftritt. Ha!
Gegen Mittag beschließe ich, eine Überstunde abzubauen. Die verbleibende Arbeitszeit vergeht wie im Flug und beschwingt mache ich mich auf den Weg zu dem großen Laden mit Künstler:innenbedarf.
Sobald ich im ersten der langen Gänge stehe, befinde ich mich in einem Ausnahmezustand. Ich schwelge in Muße, berausche mich an den Farben überall, streiche mit den Fingerspitzen durch die Vielfalt der Papiere und tauche schließlich in die Welt der Bücher ein. Ich kaufe nichts – was ich brauche, habe ich bereits.
Zu Hause lege ich mir sportlich die Kreiden zurecht. Vielleicht am Sonntagmorgen, in aller Frühe … Nur so, zum Vergnügen. Eine Stunde? Hm. Sollte drin sein.